Erdöl
Akteure
Beginn
Erdöl und Erdgas gehören zu den gefragtesten Rohstoffen für praktisch alle Volkswirtschaften und Industrien weltweit. Benötigt werden sie zur Energiegewinnung, zur Produktion von Kunststoffen, Kosmetik, Farben, Dünger und vielem mehr, sowie als Treibstoffe für Autos, Schiffe und Flugzeuge. Erdöl und -gas sind sogenannte fossile Brennstoffe, was bedeutet, dass sie erst im Verlauf vieler Millionen Jahre aus organischer Materie (v.a. Pflanzen) in Gesteinsschichten der Erde entstanden sind und ebenso lange für eine Neuentstehung bräuchten. Der Verbrauch dieser Stoffe durch den Menschen fand/findet jedoch in nur wenigen Jahrhunderten statt. Die Verteilung der natürlichen Reserven von Öl und Gas auf unserem Planeten ist allerdings sehr unregelmäßig.
Die größten bekannten Vorkommen befinden sich in den Wüstengebieten des Nahen Ostens (Saudi-Arabien, Irak, Iran, Kuwait, Katar, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate und der Jemen) und Nordafrikas (Algerien und Libyen) sowie in Russland und Zentralasien (Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan). Dazu kommen große Vorkommen in Südamerika (Brasilien, Venezuela, Ecuador) und Afrika südlich der Sahara (Nigeria, Angola, Sudan, Tschad). Die meisten Staaten dieser ölreichen Gebiete sind also Entwicklungs- oder Schwellenländer (sich schnell industrialisierende Entwicklungsländer,) während die meisten reicheren Industrieländer – die Hauptabnehmer von Erdöl – kaum Ölvorkommen besitzen. Eine Ausnahme stellen hier die USA und China dar, die zwar selbst viel Öl und Gas fördern, ihren riesigen Verbrauch damit aber bei weitem nicht decken können. Für sie ist der Import von Erdöl und -gas genauso elementar wichtig, wie für die restlichen Industriestaaten Europas und Asiens.
Das rasante industrielle Wachstum der beiden Riesenstaaten China und Indien (beide haben deutlich über eine Milliarde Einwohner) sorgt dabei für besonders hohe Nachfrage auf dem Weltmarkt. Experten streiten darum über den Zeitpunkt des peak oil, also den Moment, in dem das weltweite Fördermaximum erreicht ist, was ein zukünftiges Absinken der globalen Ölproduktion bedeutet. Seriöse Schätzungen (z.B. der ASPO) gehen davon aus, dass dies bereits der Fall sei bzw. bis spätestens 2020 eintreten wird. Der genaue Zeitpunkt ist schwer zu bestimmen, da die Menge der bestätigten bzw. förderungsfähigen Ölreserven aufgrund von Neufunden und der Weiterentwicklung der Fördertechniken ständig schwankt.
Diese absehbare Verknappung des Angebots bei steigender globaler Nachfrage könnte schwerwiegende Folgen für die vom Öl abhängigen Wirtschaftssysteme nahezu aller Staaten haben, wenn die Enwtwicklung alternativer Energieformen weiterhin zu sehr vernachlässigt wird. Speziell die einflussreichsten Akteure der internationalen Politik (USA, China, EU, Russland, Indien) versuchen darum seit einiger Zeit, ihre Außenpolitik auch auf die Sicherung des Imports fossiler Energien auszurichten. Die häufigste Form des 'Wettlaufs' um die weltweiten Öl- und Gasvorräte ist dabei allerdings nicht der bewaffnete Konflikt, sondern das Konkurrieren um die Sicherung von Einflusszonen. Es werden dabei unterschiedliche Strategien verfolgt: So versucht beispielsweise die EU eine gemeinsame Energiepolitik ihrer Mitglieder zu koordinieren, um die Abhängigkeit vom bisherigen Hauptlieferanten Russland zu reduzieren (die europäischen Vorkommen in Norwegen und der Nordsee sind relativ klein) und in Zukunft stärker aus Zentralasien beliefert zu werden.
Russland dagegen begreift sich als politische Führungsmacht in Zentralasien und übt starken Druck auf die dortigen Staaten aus, mit dem Ziel, den Energieexport der Region zu kontrollieren und keine Konkurrenz zu seinen eigenen riesigen Öl- und Gasvorkommen entstehen zu lassen (die Georgien-Krise von 2008 wurde ebenfalls von diesem Thema berührt). Auch die Weltmächte USA und China setzen bei der Sicherung ihrer Energieversorgung auf die Ausnutzung ihrer machtpolitischen Möglichkeiten. So unterhält Washington bereits seit Jahrzehnten enge Beziehungen zu Saudi-Arabien und den Emiraten am Persischen Golf (inklusive Waffenlieferungen), obwohl diese Staaten traditionell von undemokratischen und autoritären Herrschern regiert werden. Dabei geht es gleichermaßen um die sicherheitspolitische Kontrolle über die Region, in welcher Israel, der Iran und der Irak liegen, wie auch um die Erreichbarkeit der enormen Ölvorkommen. Experten kritisieren, dass die äußerst umstrittene US-geführte Invasion des Irak 2003 nicht allein der Absetzung des Diktators Saddam Hussein diente, sondern zu einem erheblichen Teil den Zugang zu den beträchtlichen Erdölfeldern sichern sollte. Außerdem besitzen US-Ölkonzerne große Teile der Förderungsrechte an den Ölfeldern Westafrikas (Angola, Äquatorial-Guinea, Nigeria). Auch in Zentralasien und in Aserbaidschan lässt sich dieses Muster der machtorientierten US-amerikanischen Geopolitik nachvollziehen: Die Unterstützung undemokratischer Regime in Verbindung mit sicherheitspolitischer (US-Militärstützpunkte) und energiepolitischer (US-Ölfirmen) Präsenz findet sich auch hier.
Auch für China, dessen rasante industrielle Entwicklung es weltweit zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht machte, ist das Öl des benachbarten Zentralasiens enorm wichtig. Bedenkt man nun, dass sich Peking ebenfalls um einen großen Anteil der dortigen Vorräte bemüht und bereits einen großen Teil der westafrikanischen Produktion importiert, so lassen sich aus der Konkurrenzsituation mit der EU, aber vor allem mit Russland und den USA bereits zukünftige Spannungslinien erkennen. Das diktatorische China unterhält zudem enge Beziehungen (inklusive Waffenlieferungen) zu ölreichen Staaten, die durch aggressive Politik (Iran) oder Bekämpfung von Teilen der eigenen Bevölkerung (Sudan) von der Weltgemeinschaft isoliert wurden. Peking erklärt, an der Politik dieser Länder nicht interessiert zu sein und setzt dort auf immer mehr chinesische Wirtschaftsprojekte (die vor allem China selbst nutzen) – und auf den ungehemmten Import von Öl und Gas. Und auch Indien beginnt zunehmend, sich durch Konzerne an der Förderung in Afrika zu beteiligen. Eine wichtige Rolle spiel(t)en Ölvorkommen auch bei innerstaatlichen Konflikten bis vor kurzem in Angola und aktuell im Tschad. Hier wurden/werden die Einnahmen aus dem Verkauf von regierungsnahen Kriegsparteien benutzt, um den Kauf von schweren Waffen zu finanzieren. Folglich wurde die Kontrolle über die Ölförderung selbst zum Kriegsziel.

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Zivile Konfliktbearbeitung
Eine Lösung der Ölproblematik dient gleichermaßen der Vorbeugung von zukünftigen Konflikten wie auch dem dringend nötigen ökologischeren Umbau der weltweiten Wirtschafts- und Verkehrssysteme. In erster Linie wird es darauf ankommen, die enorme Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas nachhaltig zu reduzieren, um den Ausstoß von Treibhausgasen deutlich zu senken. Dazu müssen möglichst bald regenerative ('nachwachsende') Energiequellen, also Energie aus Windkraft-, Solar-, Wasserkraft- und Biomasseanlagen, den Großteil des Öl- und Gasverbrauchs ersetzen.
Angesichts der bereits stattfindenden Erwärmung des Erdklimas muss dies mit Unterstüzung möglichst aller Staaten weltweit geschehen, insbesondere aber durch die Industriestaaten Europas und Nordamerikas sowie China, Japan und Indien. Erfahrungen mit bisherigen, unzureichenden internationalen Klimaschutzverträgen zeigen dabei, dass hier erheblich mehr Druck auf die nationalen Regierungen zugunsten schärferer Umweltstandards ausgeübt werden muss. Außerdem müssen bereits jetzt die größten 'Energiefresser' (Industrieanlagen, Wohnhäuser, Verkehrsmittel) effizienter gemacht werden, das heißt, sie müssen für den gleichen Nutzwert weniger Energie verbrauchen.
Ein großer Schritt wäre auch die Einrichtung eines verbindlichen internationalen Abkommens, welches den Handel mit Erdöl und- gas aus Konfliktgebieten verbietet. Dies würde zum einen Ölvorkommen als mögliche Kriegsziele von vornherein unattraktiver machen und zum anderen die Finanzierung von Konfliktparteien in Ölstaaten wie dem Sudan und dem Tschad erschweren.





