Nigeria
Akteure
Beginn
Als Nigeria am 1. Oktober 1960 – also vor recht genau 50 Jahren – unabhängig wurde, waren sich viele Experten sicher: Nigeria steht eine großartige Zukunft bevor. Das Land, etwa dreimal so groß wie Deutschland, hatte einen Zugang zum Atlantischen Ozean, bestand aus relativ wenigen verschiedenen Völkern und – und das sah man als das Wichtigste an – man hatte wenige Jahre zuvor im Delta des Flusses Niger Öl gefunden. Öl, das „Schwarze Gold“, würde Nigeria reich machen. Das hatte ja auch bei vielen anderen Ölstaaten, z. B. Saudi-Arabien, Kuwait oder Brunei funktioniert. Die Experten von damals nannten Nigeria den „Giant of Africa“, also den Riesen Afrikas, denn man dachte an eine große Zukunft. Heute, 50 Jahre später, erkennt man deutlich, dass Nigeria nicht zum „Giant of Africa“ geworden ist. Denn die Vorteile, die man damals sah, stellten sich gar nicht als solche heraus.
Schaut man sich Nigeria auf der Landkarte an, dann erkennt man zwei verschiedene Regionen: Den relativ dicht bevölkerten Süden mit der Küste und dem Nigerdelta, der außerdem bewaldet und fruchtbar ist, und den dünn besiedelten, kärglichen Norden, der aus Wüste und Halbwüste besteht. Und diese Teilung besteht quasi auch in der Bevölkerung: Im Süden leben z. B. die Yoruba und die Ibo. Diese Völker sind christlich oder gehören einer Naturreligion an – manchmal auch beides. Im Norden leben vor allem die Haussa und Fulbe. Sie sind Muslime. Man sieht also: Nigeria besteht nicht nur aus verschiedenen Völkern, sondern auch aus zwei verschiedenen Religionen.
Seit 2009 führen die religiösen Unterschiede in Nigeria zu einem Konflikt, der schon viele Opfer forderte. Grund für diese hohe Opferzahl sind die vielen Anschläge der terroristischen Gruppe „Boko Haram“. Diese radikalislamistische Bewegung, die vor allem von jungen muslimischen Leuten aus dem Norden geführt wird, lehnt strikt jegliche westliche Erziehung und das Christentum ab und hat sich zum Ziel gesetzt, das islamische Recht der Scharia in ganz Nigeria einzuführen. „Boko Haram“ bedeutet „ Die westliche Lehre ist Sünde“ und seit Jahren verübt diese Gruppe Anschläge auf christliche Einrichtungen. Allein im Jahr 2011 vermutet man, dass „Boko Haram“ für 510 Morde an Christen verantwortlich sei.
Nigeria ist einer der bevölkerungsreichsten Staaten und der größte Ölproduzent Afrikas, dennoch herrscht große Armut, Korruption und ein brutaler Polizeiapparat in diesem Land. Entsprechend herrscht, vor allem bei der jungen Bevölkerung, Frust und eine große Perspektivlosigkeit. Diese Vorraussetzungen gelten als idealen Nährboden für eine radikalislamistische Gruppe. So schließen sich der Gruppe vor allem viele junge Leute an, die kaum Bildung und keine Arbeit haben. Seit Monaten eskaliert die Situation zwischen Christen und Muslimen immer wieder und seit Weihnachten 2011 haben die Attentate der „Boko Haram“, die sich selbst die „nigeranische Taliban“ nennen, zu Ausnahmezuständen im Norden Nigerias geführt.
Dieser religiöse Konflikt wird verstärkt durch einen zweiten Konflikt.
Und dieses Problem ist – auch, wenn es auf den ersten Blick sehr seltsam erscheint – der große Ölreichtum Nigerias.
Denn das Öl ist - wie erwähnt – im Nigerdelta im Süden des Landes. Für den Ölabbau ist ein Unternehmen zugelassen, das zur Hälfte dem Staat Nigeria und zur Hälfte dem britischen Ölkonzern Shell gehört. Andere Unternehmen dürfen kein Öl fördern. Das Unternehmen achtet jedoch bei seiner Ölförderung vor allem darauf, so viel Geld wie möglich zu machen. Es gibt quasi keine Umweltschutzauflagen, und wenn doch, werden sie missachtet. Die meisten Pipelines sind veraltet und undicht, außerdem wird oft Öl gestohlen und das Rohr nicht wieder richtig verschlossen. Dadurch wird das Nigerdelta stark verschmutzt. Die Ölpest beeinträchtigt die Landwirtschaft, von der die Einwohner des Deltas eigentlich leben. Und sie ist schädlich für die Gesundheit der Menschen. Man lebt im Nigerdelta durchschnittlich 10 Jahre kürzer als im Rest Nigerias.
Dazu kommt, dass die Menschen im Nigerdelta vom Geld aus dem Ölabbau fast nichts abbekommen. Denn bis 1999 war Nigeria eine Diktatur. Und die Regierung von damals hat vor allem in die eigene Tasche gewirtschaftet. Natürlich hat das zu Unruhen im Süden geführt. Die Völker sehen ihre Gesundheit, ihr Leben und ihre Lebensgrundlage bedroht und fordern ihre Rechte ein. Sie wollen an den Öleinnahmen beteiligt werden. Und sie versuchen sich das immer öfter mit Gewalt zu erkämpfen. Aber auch im Norden sind die Menschen unzufrieden. Denn hier geht es den Leuten auch schlecht. Und im Süden sehen sie den Ölreichtum und die nötigen Verbesserungen z. B. im Verkehr, um das Öl transportieren zu können. Außerdem funktioniert die Landwirtschaft im Süden nach wie vor besser, weil der Boden fruchtbarer ist. Auch die nördlichen Völker wollen profitieren von dem Ölreichtum. Und somit kommt es zu Kämpfen mit den südlichen Völkern. Und sowohl die Menschen aus dem Norden als auch aus dem Süden lassen ihren Ärger auch am Staat und an Shell aus.

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Zivile Konfliktbearbeitung
Aus Nigeria ist durch all das ein brodelnder Konfliktherd geworden: Nord und Süd, christlich und muslimisch, Staat und Bevölkerung, arm und reich, bekämpfen sich. Immer aggressiver werden die Zusammenstöße. Sogar zu den jüngst stattgefundenen Fünfzigjahrfeiern Nigerias gab es zahlreiche Anschläge – auch in der Hauptstadt Abuja. Deswegen braucht Nigeria dringend eine Lösung für seine Probleme. Denn am meisten leiden die einfachen Leute. Es gibt viele Lösungsansätze: So könnte man z. B. den Ölabbau für andere Unternehmen öffnen, um einen Wettbewerb und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Auch strenge Umweltauflagen und deren Beachtung sind dringend erforderlich. Wichtig ist, dass der Staat die Einnahmen aus dem Öl auch fair aufteilt – auf Nord und Süd. Außerdem sollte der Staat Nigeria vielleicht so aufgebaut werden, dass jede Volksgruppe ihre eigenen Angelegenheiten größtenteils selbst bestimmen, also autonom handeln, darf. Auch damit kann man die Konfliktbereitschaft senken. Nigeria braucht diese Lösungen aber ganz schnell. Denn ansonsten werden den „Giant of Africa“ wahrscheinlich auch in Zukunft gigantische Probleme begleiten.





