Peru - Stärkung der Indigenen und gemeinsame Konfliktaufarbeitung!
Akteure
Beginn
Peru ist seit jeher ein Land mit einer komplexen Bevölkerungsstruktur. In dem Land leben neben den Nachkommen spanischer Eroberer eine Vielzahl indigener Völker. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um sehr unterschiedliche indianische Stämme. Bis heute herrscht in Peru ein sehr hohes Maß an sozialer Ungerechtigkeit. Dabei ist es meistens die indigene Bevölkerung, welche auf verschiedene Arten diskriminiert und benachteiligt wird. Dies war die Ausgangsvorraussetzung für die Entstehung eines zunehmend gewaltsamen Konflikts zwischen einer Organisation namens Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) und dem peruanischen Staat.
Der Leuchtende Pfad
Der Leuchtende Pfad wurde Ende der 60er Jahre als Studentenbewegung in der Region Ayacucho, einer der ärmsten Regionen Perus, gegründet. Sie stand der marxistischen und maoistischen Ideologie nahe. Als unangefochtener Führer etablierte sich schnell ein peruanischer Professor namens Abimael Guzmán.
Aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil der indigenen Bevölkerung verarmt war, kaum Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden waren, insbesondere die Andenregionen politisch extrem vernachlässigt wurden und auch eine Öffnung des Bildungssystems keine wirkliche Verbesserung der Zustände bewirkte, genoss der Leuchtende Pfad zunächst große Sympathien in den armen Bevölkerungsschichten. So kam es auch, dass sich zunächst die geographischen Konfliktlinien im Konflikt recht anschaulich darstellten. Einerseits gab es die indigenen Völker des Hochlandes Perus, welche vom Leuchtenden Pfad vertreten wurden und anderseits gab es die eher reiche, weiße Bevölkerung Perus, welche fast ausschließlich in den Küstenregionen angesiedelt war.
Im Jahre 1980 schließlich nahm der leuchtende Pfad den bewaffneten Kampf für die Durchsetzung seiner Interessen auf. Interessanterweise ging es dabei jedoch nicht einfach um mehr Rechte, oder bessere Entwicklungsmöglichkeiten der indigenen Bevölkerung: vielmehr sollte die Regierung und die bestehende Gesellschaftsordnung mit der Hilfe eines Krieges zerstört werden. Anschließend sollte eine neue sozialistische Ordnung errichtet werden. Diese Ideologie und Praxis war extrem radikal und bis dahin unbekannt in Lateinamerika.
Ebenfalls extrem radikal gestaltete sich der Konflikt. Der leuchtende Pfad versuchte etwa durch Überfälle auf Polizeistationen, Sprengstoffattentate und Morde seine Ziele durchzusetzen. Dies stieß relativ schnell auf Ablehnung seitens der indigenen Bevölkerung, denn die Aktionen des leuchtenden Pfads schienen keine Verbesserung ihrer Lebensumstände zu bewirken. Der leuchtende Pfad war jedoch fanatisch von seiner Idee überzeugt und zwang große Teile der indigenen Bevölkerung ihn dabei zu unterstützen. Wenn man sich weigerte, kam es zu Zwangsrekrutierungen, Hinrichtungen und Volksgerichten.
Wie reagierte der peruanische Staat auf die Bedrohung?
Die peruanische Zentralregierung verhängte in vielen umkämpften Regionen den Ausnahmezustand, also quasi die nahezu uneingeschränkte Herrschaftsgewalt des Militärs und begann den leuchtenden Pfad mit Hilfe der Armee zu bekämpfen. Natürlich war dies keine leichte Aufgabe, da der leuchtende Pfad eine klassische Guerillabewegung war, also keine Uniformen oder andere Identifikationsmerkmale trug. Dadurch wurde für die Soldaten jeder indianische Bewohner zu einem potentiellen Terroristen. So kam es ebenfalls seitens des Staates zu extremer Gewalt gegenüber der indigenen Bevölkerung. Massenverhaftungen, Massaker und Exekutionen waren keine Seltenheit.
Der Konflikt war in den Anfangsjahren noch geographisch auf die unzugänglichen Bergregionen Perus begrenzt, weitete sich jedoch mit der Zeit immer weiter aus. Ein maßgeblicher Grund hierfür war durch die Arbeitsmigration von Landarbeitern gegeben. Sie führte dazu, dass bald auch in den Küstenstädten und der Hauptstadt Elendsviertel entstanden, welche von dem Leuchtenden Pfad als Rückzugsgebiet genutzt wurden. Auf dem Höhepunkt des Konflikts kontrollierte der Leuchtende Pfad ca. 50% des peruanischen Staatsgebiets.
Um ihre Aktionen zu finanzieren, wandte sich der Leuchtende Pfad mit der Zeit immer stärker dem Anbau- bzw. Export von Kokain zu. Dabei etablierte sich der Leuchtende Pfad als Schutzmacht für Kokabauern und war maßgeblich für die Organisation von Schmuggelrouten über die Landesgrenzen hinaus zuständig. Splittergruppen des Leuchtenden Pfades sind auch heute noch wichtige Akteure im peruanischen Drogenhandel.
Wie konnte der Konflikt schließlich "entschärft" werden?
Alberto Fujimoro und der "schmutzige" Krieg
Im Jahre 1990 gab es in Peru einen bedeutenden Regierungswechsel. Der japanisch-stämmige Alberto Fujimoro kam an die Macht. Dieser Regierungswechsel erschien aus zwei Gründen besonders bedeutsam. Erstens kämpfte Fujimoro von Beginn an für einen wirtschaftliche Genesung des Andenlandes. Denn aufgrund der andauernden bewaffneten Konflikte investierten immer weniger Unternehmen und Staaten in Peru. Bestehende Kredite wurden immer teurer und ebenfalls kam es zu einer Hyperinflation, also zu einer hohen Entwertung der peruanischen Währung.
Der zweite Grund war die neue Taktik gegenüber dem Leuchtenden Pfad. Unerfreulicherweise setzte Fujimoro in keiner Weise auf eine zivile Konfliktbewältigung, sah diese aber auch als unmöglich an, da der Leuchtende Pfad dem bestehenden peruanischen Staat quasi die Existenzberechtigung absprach (wenn Akteure sich nicht gegenseitig wahrnehmen wollen, macht das diplomatische Annäherungen unmöglich). Deshalb strukturierte Fujimoro die Armee in ihrer Befehlsstruktur um und besetzte alle Schlüsselpositionen mit äußerst loyalen Persönlichkeiten. Dadurch etablierte er sich zum unangefochtenen Führer der Armee, welche zukünftig noch härter gegen den leuchtenden Pfad vorging.
Zu diesem Zweck wurde auch erneut der Ausnahmezustand ausgerufen, also alle verfassungsmäßigen Bürgerrechte ausser Kraft gesetzt, was zu einem äußerst "schmutzigen Krieg" führte. Darüber hinaus erhielt Fujimoro auch intensive Hilfe seitens der CIA, welche an dem Ende des Kokainschmuggels interessiert war. Eine letzte wichtige Neuerung war auch die Etablierung von Bürgermilizen, die vom Militär mit Training und Waffen versorgt wurden und anschließend selbstständig gegen Mitglieder des Leuchtenden Pfades vorgingen.
Diese neue Taktik führte zu einem äußerst intensiven Kampf zwischen den zwei Lagern und zu unzähligen Menschenrechtsverletzungen auf beiden Seiten. Der Leuchtende Pfad wurde zunehmend geschwächt:
Einerseits durch die Festnahme von Guzmán im Jahre 1992, der anschließend zur Beendigung des Terrors durch seine Organsiation aufrief, was wiederum zu Unstimmigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern des Leuchtenden Pfades führte. Zweitens verlor der Leuchtende Pfad auch immer größere Teile seiner sozialen Basis, denn durch Fujimotos Bürgermilizen bekamen indigene Bevölkerungsgruppen auch die Chance sich mit Waffengewalt gegen den Leuchtenden Pfad zu Wehr zu setzen. Drittens ging auch die Akzeptanz für die Guerillaaktionen gegen den peruanischen Staat immer weiter zurück, da diese auch nach 10 Jahren keine Verbesserungen der sozioökonomischen Strukturen bewirkt hatten.
Bis zum Jahre 2000 konnte der Konflikt so weitgehend beendet werden. Allerdings agieren Splittergruppen des Leuchtenden Pfades bis heute in Peru. Diese scheinen aber primär nicht an einer politischen Neu- oder Umstrukturierung des peruanischen Staates interessiert zu sein und geben sich auch nicht mehr primär als Kämpfer für die Interessen der indigenen Bevölkerung aus. Vielmehr sind diese Gruppen an der Kontrolle des Kokainhandels in Peru interessiert.
Was sind die Folgen des Konflikts?
Nachdem Fujimoto im Jahre 2000 aufgrund schwerwiegender Korruptionsvorwürfe von seinem Amt zurücktreten musste, berief eine Interimsregierung eine Kommission zur Aufarbeitung des Konfliktes ein, die so genannte Wahrheitskommission. Am 28. Juli 2001 übernahm Alejandro Toledo das Amt von Fujimori. Fujimoris Immunität als Staatsoberhaupt wurde kurz zuvor vom Kongress aufgelöst und man kündigte eine strafrechtliche Verfolgung wegen seinen Verstößen gegen die Menschenrechte an.
Diese Wahrheitskommission schonte keine Konfliktpartei in ihren Stellungsnahmen und kam zu erschreckenden Erkenntnissen. So kostete der Konflikt nicht wie bisher in Peru angenommen 30.000 sondern 69.000 Menschen das Leben, was den Konflikt zu einem der blutigsten in ganz Lateinamerika macht. Auch wirft die Kommission dem Staat extreme Inkompetenz in der Konfliktbewältigung vor. Dem leuchtenden Pfad werden dagegen das Potential und der Wille zum Genozid vorgeworfen. Darüber hinaus konnte ermittelt werden, dass circa 53% der Todesopfer durch Mitglieder des Leuchtenden Pfads umkamen.
Nach dem die Wahrheitskommission 2003 ihren Bericht veröffentlicht hatte, wurde sie aufgelöst, Toledo kündigte für die Zukunft einen millionenschweren Friedens- und Entwicklungsplan an. 2003/2004 wurde von der Seite des Staates viel unternommen, um die Opfer der Menschenrechtsverletzungen und deren Angehörige zu helfen. In den darauf folgenden Jahren gründete der Staat verschiedene Kommissionen, die zur Friedenserhaltung und Versöhnung beitragen sollten.
Der Leuchtende Pfad hat sich in den Jahren 2001-2006 zunächst stark zurückgezogen. Man geht davon aus, dass bis heute noch zwei Kerne des „Leuchtenden Pfades“, im Gebiet der Flüsse Apurímac und Ene, existieren. Die Regierung vermutet ca. 300-600 Kämpfer, wobei die Zahl bei den Aussagen ziemlich schwankt. Dieser Rest befasst sich hauptsächlich mit der Kokainherstellung. Heute gilt Peru als 2. größter Kokainproduzent Lateinamerikas, Kolumbien belegt Platz 1.
Es werden immer wieder Soldaten in diese Gebiete geschickt, um den Drogenanbau zu verhindern. Dadurch kommt es zu gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen Militär und Guerilla-Kämpfern.
2009 wurde Fujimori zu 25 Jahren Haft verurteilt. Grund für diese Verhaftung war sein Vorgehen im Antiterrorkampf gegen den Leuchtenden Pfad. Man legt ihm zur Last, verantwortlich für Massaker gegen die peruanische Bevölkerung zu sein. Nach seinem Rücktritt im Jahre 2000, floh er nach Japan und verkündete von dort aus per Fax seinen Rücktritt. Erst 2005 kam er zurück nach Lateinamerika. Da gegen ihn seit 2001 eine strafrechtliche Verfolgung vorhanden war, wurde er 2005 in Chile festgenommen und im Jahre 2007 nach Peru ausgeliefert.
Im Juli 2011 bei den peruanischen Präsidentschaftswahlen trat die Tochter des ehemaligen Staatspräsidenten Alberto Fujimori auf. Keiko Fujimori verlor die Wahl gegen den jetzigen Präsidenten Ollanta Humala. Schon 2006 wurde sie, in Lima, in den Kongress gewählt. Die Fujimori Familie hat, trotz der ausgeübten Menschenrechtsverletzungen in den 90er Jahren, ein relativ hohes Ansehen in der peruanischen Bevölkerung. Grund dafür ist der Erfolg bei der Unterdrückung des Leuchtenden Pfades. Nach ihren Aussagen hätte Keiko Fujimori als erste Amtshandlung, wäre sie Präsidentin geworden, ihren Vater begnadigt.
Als im Juli 2011 Ollanta Humala sein Amt als Staatspräsident antrat, gab es, in diesem Land, noch immer (nach Statistischen Bundesamt) über 200 soziale Konflikte. Durch die neue Regierung besteht jedoch Grund zur Hoffnung. Schon im September 2011, kurz nach seinem Amtsantritt, stärkte O. Humala die Rechte der indigenen Ureinwohner. „In der Konvention Nr.169 über indigene Völker ist es festgeschrieben: Bei Entwicklungsvorhaben in ihren Siedlungsgebieten haben die Indigenen ein Recht auf Anhörung und Beteiligung. In Peru ist das nun im nationalen Recht verankert worden.“(Vogt, Jürgen in: http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Peru/indigene6.html)

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Zivile Konfliktbearbeitung
Peru schaffte es in den letzten Jahren seine Wirtschaftstrukturen zu reformieren und gehört momentan zu den Ländern mit den höchsten Wachstumsraten in Lateinamerika. Grundpfeiler dieser positiven Entwicklung sind große Kupfer-, Öl-, Gold-, Silber-, und Zink-Vorkommen. Dieser große Reichtum an Rohstoffen sollte eigentlich perfekte Rahmenbedingungen für eine positive und prosperierende Entwicklung Ganz Perus darstellen. Allerdings liegen diese Rohstoffe meist in den Anden, also dem Lebensraum der indigenen Bevölkerungsschichten. Bei der Ausbeutung dieser Rohstoffe wird ihr Lebensraum weitgehend zerstört, verschmutzt oder enteignet. Ausserdem profitieren die ohnehin schon armen Bevölkerungsschichten in Peru auch finanziell kaum von den neuzeitigen wirtschaftlichen Erfolgen. So kommt es, dass das Arm-Reich- Gefälle immer größer wird und die absolute Zahl der armen meist indianischen Bevölkerung in Peru weiter steigt...
Einer der wesentlichen Auslöser für die Entstehung des Krieges 1980 war bekanntlich die extreme soziale Ungleichheit und Diskriminierung der indigenen Bevölkerung. Dies ist natürlich eine höchst bedrohliche Tatsache, denn abgesehen von den anhaltenden, teils unzumutbaren Lebensumständen der Bevölkerung bleibt so das Potential für weitere gewaltsame Konflikte bestehen.
Es erscheint jedoch momentan als nicht sehr wahrscheinlich, dass dies noch einmal unter der Führung des leuchtenden Pfades passieren wird, da die Organisation zwischenzeitlich kaum noch Einfluss auf die betreffenden Bevölkerungsteile hat.
Um einen langfristigen positiven Frieden in Peru zu sichern, stehen der Regierung jedoch noch bedeutsame Aufgaben bevor.
* Beispielsweise muss die indigene Bevölkerung stärker am wirtschaftlichen Aufschwung partizipieren, um die Hauptursache für den Ausbruch der gewaltsamen Konflikte, die Armut ganzer Volksgruppen, zu beseitigen.
* Auch gab es in Peru bislang noch keine ausreichende Aussöhnung bezüglich der Gräueltaten zwischen 1980 und 2000. Viele Verbrechen blieben ungeahndet, es gibt eine nicht unbedeutende Anzahl an Vermissten und teilweise haben die Menschen komplett das Vertrauen in den Staat verloren. Eine Kultur des Friedens sollte auf allen Ebenen der Kirche, der Verwaltung, der Bildung und der Presse- und Unterhaltungsmedien installiert und verbreitet werden.
* Dadurch wird es auch zu zahlreichen Umstrukturierungen in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen kommen: Minderheitenrechte bezüglich dem Schutz kultureller Identitäten müssen gestärkt und gesetzliche Repressalien etwa im Bildungs-, Wohn- oder Gesundheitssektor gegenüber der indianischen Bevölkerung beseitigt werden.









