Tschad - Energie statt Entwicklung

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Methodenvorschläge: Pro-Contra-Debatte, bzw. strukturierte Kontroverse, Partnerpuzzle oder Abfassung eines Kommentars für eine Zeitung zum Konflikt und möglicher Konfliktlösung. Aus: Anne Huber – Kooperatives Lernen - kein Problem (Effektive Methoden der Partner- und Gruppenarbeit)

Das Land: Gespalten in Norden und Süden

Die Republik Tschad liegt im Herzen Afrikas. Das Wort Tschad bedeutet "großes Wasser" und bezieht sich auf den Tschadsee. Der islamisch geprägte Norden hat Wüstenklima, während das Klima im christlich und animistisch geprägten Süden des Landes fast tropisch ist. Gewaltreiche Konflikte zwischen Bevölerungsgruppen aus dem Norden und dem Süden haben oft die Geschichte des Tschad bestimmt.

In dem zentralafrikanischen Land, das etwa dreieinhalb mal so groß wie Deutschland ist, leben zirka zwölf Millionen Menschen. Sie gehören rund 200 verschiedenen Volksgruppen an, die neben den Amtssprachen Französisch und Arabisch mehr als 100 Sprachen und Dialekte sprechen.

Im Human Development Index, der die Entwicklung eines Landes basierend auf Lebenserwartung, Zugang zu Bildung und Einkommen ermittelt, nimmt der Tschad derzeit Platz 184 von 187 bewerteten Ländern ein. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt nur bei 49 Jahren, die meisten Menschen waren nicht mehr als anderthalb Jahre auf einer Schule, der Lebensstandard ist gering.

Dabei ist der Tschad reich an Gold und Uranium, seit 2003 exportiert er auch Erdöl, mit dessen Erlös die Armut im Land eigentlich hatte bekämpft werden sollen. Die Situation der Menschen hat sich durch das Öl aber eher verschlechtert.

Die Situation für Kinder ist im Tschad besonders dramatisch. Die Kindersterblichkeit ist extrem hoch. Das Bildungsniveau gilt als das niedrigste weltweit - die Mehrheit der Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben. Viele Kinder können keine Schule besuchen, weil sie arbeiten müssen. Kinderarbeit ist die Norm im Tschad. Besonders ausgebeutet werden Kinder als Hilfskräfte in der Landwirtschaft, im Handel und in Haushalten. Häufig werden Kinder im Tschad auch gezwungen als Prostituierte oder als Kindersoldaten zu arbeiten. 

Die Geschichte: Alte Sklaven-Handelswege und Kolonialismus

Die Region des heutigen Tschad gehört vermutlich zu den ersten von Menschen besiedelten Regionen der Erde. Die Gegend um den Tschadsee war in vorkolonialer Zeit einer der Knotenpunkte auf den Handelswegen durch die Sahara. Neben Salz, Gewürzen, Gold und Elfenbein wurden vor allem Sklaven gehandelt. Berber verkauften nicht-muslimische Afrikaner in arabische Gebiete im Norden. Ende des 19. Jahrhunderts unterwarf der gefürchtete Sklavenhändler und Kriegsherr Rabah al-Zubair aus dem heutigen Sudan einen Großteil der Gebiete rund um den Tschadsee. 

1884 teilten die europäischen Kolonialmächte den afrikanischen Kontinent während einer Konferenz in Berlin per Federstrich unter sich auf. Frankreich erhielt dabei auch den Zuschlag für den heutigen Tschad und begann die ihm zugeschriebenen Gebiete zu besetzen. 1900 besiegte Frankreich schließlich auch Rabah al-Zubair. Die Kolonialmacht konnte allerdings nur einen Teil des fruchtbaren Süden des Tschad für sich nutzbar machen. Das Land war für Frankreich vor allem strategisch nützlich.

Die wenigen Investitionen in Infrastruktur und Bildung machte die Kolonialmacht im christlich-animistisch geprägten Süden, der Norden wurde völlig vernachlässigt. Damit kehrten sich frühere Verhältnisse, als Händler aus dem Norden Menschen aus dem Süden als Sklaven verkauft hatten, um. Der Kolonialismus bereitete auch einen späteren Grenzstreit zwischen Tschad und Libyen vor. Frankreich und Italien, Kolonialmacht in Libyen, konnten sich nicht abschließend auf einen Grenzverlauf entlang des sogenannten Aouzou-Streifens einigen. Die später unabhängigen Staaten führten über diesen Streifen einen langen Krieg.

Diktatur und Widerstand

Im Jahr 1960 erlangte der Tschad die Unabhängigkeit von Frankreich. Präsident wurde der aus dem Süden stammende Protestant François Tombalbaye. Als Regierungssystem wurden demokratische Institutionen nach westlichem Vorbild eingeführt. Sie zerfielen jedoch nach kurzer Zeit. Das demokratische System war viel zu instabil. In der postkolonialen Gesellschaft fehlten die Grundlagen für eine Demokratie. Das System war nicht dazu in der Lage, dem Machtmissbrauch des Präsident Einhalt zu gebieten. Innerhalb kurzer Zeit konnte der Präsident eine Diktatur mit unumschränkter Macht für sich selber etablieren. Die ethnische und kulturelle Vielfalt des Landes blieb bei dieser zentralistisch organisierten Politik unberücksichtigt. Im Norden bildete sich Widerstand, ein Bürgerkrieg brach aus, der bis heute nicht vollständig beigelegt ist.

Wechselnde Rebellengruppen kämpften von Anfang an gegen die Regierung in der Hauptstadt N'Djamena. 1966 gründete sich im Norden des Landes die Bewegung "Nationale Befreiungsfront des Tschad", die FROLINAT (Front de Libération Nationale du Tchad). Ziel dieses Bündnisses verschiedener Rebellengruppen war der Sturz des Präsidenten Tombalbaye. Libyen, das Anspruch auf den Aouzou-Streifen im Grenzgebiet erhob, unterstütze die Rebellen, die im Gegenzug Libyen bei der Besetzung des Grenzgebietes halfen. 1975 besiegte die FROLINAT die Regierung und stürzte Präsident Tombalbaye. Damit endete gleichzeitig die politischen Dominanz des christlichen Südens über den islamisch geprägten Norden. Die bevorzugte wirtschaftliche und politische Förderung des Südens seit der Kolonialzeit hatte auch im nachkolonialen Tschad Konflikte verstärkt.

Nach dem erfolgreichen Sturz Tombalbayes zerfiel die FROLINAT in einzelne Gruppen, die jeweils um die Macht und Kontrolle des Staates kämpften. Die einzelnen Rebellengruppen stellten abwechselnd die Regierung, allerdings ohne rechtliche Grundlage. Die Zeit nach der Auflösung der FROLINAT stellt die verlustreichste Phase des Bürgerkriegs im Tschad dar. Neben der Zerstörung der Hauptstadt N'Djamena und des Großteils der Infrastruktur des Landes waren mehr als 200.000 Tote und 100.000 Flüchtlinge zu verzeichnen.

Das Land blieb gespalten. Menschenrechtsverletzungen, Flucht und Korruption waren weiter an der Tagesordnung. Besonders grausam war die Unterdrückung während der Amtseit des ehemaligen Rebellenführers Hisséne Habré, der von 1982 bis 1990 Präsident war und tausendfach politische Morde und Gewaltkampagnen gegen einzelne Bevökerungsgruppen in Auftrag gab. Habré hatte bereits als Rebellenanführer gegen die Libyschen Besatzer gekämpft. 1990 wurde Habré von seinem ehemaligen Oberbefehlshaber Idriss Déby mit einem Militärputsch gestürzt, der dafür Unterstützung aus Libyen erhalten hatte. Déby ist bis heute Präsident des Tschad.

Schwache Demokratie

Unter Präsident Déby beruhigte sich die Lage im Tschad etwas. Das Land führte ein Mehrparteiensystem ein und verabschiedete eine Verfassung. Die ersten freien Wahlen nach dem Putsch ließ Déby allerdings erst 1996 abhalten, die Erbegnisse waren umstritten. Déby ging auch aus den Wahlen von 2001, 2006 und 2011 hervor, auch hier waren die Ergebnisse umstritten. Eigentlich hatte die Verfassung eine Beschränkung auf zwei Amtszeiten vorgesehen, Déby erreichte aber, dass diese Begrenzung abgeschafft wurde. Sein Regierungsstil ist autoritär, Menschenrechtsverletzungen und gewaltsame Konflikte und Rebellionen im Land gehört immer noch zum Alltag. Die Gewaltenteilung ist noch immer nicht durchgesetzt, die Gerichte sind z.B. nur bedingt unabhängig. Auch die Pressefreiheit ist stark eingeschränkt, Journalisten, auch ausländische, müssen mit Gefängnisstrafen rechnen, wenn sie kritisch berichten.

Wie seine Vorgänger wird auch Déby von Rebellengruppen bekämpft. 2008 konnte er einen Putsch-Versuch mit französischer Hilfe verhindern. Hilfswerke wie Misereor werfen dem Regime Déby vor, es sei nur eine "Fassenden-Demokratie" mit "Schein-Stabilität", in dem die Bevölkerung keine Chance auf Entwicklung erhalte. Der Tschad zählt laut Transparency International zu den Staaten mit den höchsten Korruptionsraten. 

Außenpolitik

Der Tschad ist stark von den Unruhen in der Darfur-Region im Nachbarland Sudan betroffen. Die Krise hat sich 2003 über die Grenze in den Tschad ausgeweitet. Tschadische Rebellengruppen sind mit verwickelt in den Konflikt. Hunderttausende Menschen sind aus dem Sudan in den Tschad geflohen und leben dort in notdürftigen Flüchtlingslagern. Auch viele Tschadder selber leben innerhalb ihres Landes auf der Flucht vor den Kämpfen zwischen arabischen und afrikanischen Rebellen. 

Eine neue internationale Rolle spielt der Tschad im Bürgerkrieg in Mali. Tschadische Truppen unterstützen seit Februar 2013 gemeinsam mit Frankreich die malische Regierung gegen islamistische Einheiten in Nordmali.

Wenn Öl arm macht

Seit 2003 fördert der Tschad unter Federführung des Konsortiums ESSO Erdöl. Die Erdölindustrie ist inzwischen der stärkste Wirtschaftssektor des Landes ist. Andere bedeutende Wirtschaftszweige, wie die Landwirtschaft, werden vernachlässigt. Das Land ist inzwischen stark von den Ölexporten und damit von Weltmarktpreisen abhängig. Die Hoffnung, dass das Öl die wirtschaftliche Lage für alle Menschen bessert, hat sich nicht erfüllt. Die meisten Tschadder leben weiterhin in absoluter Armut. Sie sind weiterhin oft auf  internationale Lebendmittelhilfen angewiesen. Denn die Öleinnahmen werden nicht für die Armutsbekämpfung genutzt. Dabei hatte die Weltbank die Bewilligung ihrer Kredite für den Bau einer Öl-Pipeline genau daran geknüpft, dass die Einnahmen per Gesetz in die Armutsbekämpfung fließen. Doch die Regierung änderte das entsprechende Gesetz später und zahlt die Weltbank aus, um anderweitig über die Öleinnahmen verfügen zu können.

Nur eine kleine Elite und die Ölkonzerne profitieren von den Erdöl-Gewinnen. Ein Großteil des Geldes versackt durch Korruption. Auch die Ausgaben für Rüstung, die gegen Rebellengruppen und den Nachbarstaat Sudan zur Verfügung stehen sollen, sind in die Höhe geschnellt. Verschiedene Rebellengruppen fordern eine gerechte Verteilung der finanziellen Ressourcen und der politischen Macht, um zu verhindern, dass sie weiter an den Rand gedrängt werden. Ihr Putschversuch von 2008 scheiterte jedoch.  

Die mit der Erdölförderung verbundene Umweltvergiftung belastet die Gesundheit der Menschen erheblich. Sie gefährdet auch die Landwirtschaft, die wichtigste Lebensgrundlage für die Bevölkerung. Die Milderung der Armut überlässt die Regierung ausländischen Hilfsprojekten. Damit bleiben die Menschen in Abhängigkeit und können keine wirtschaftliche Eigenständigkeit enwickeln. 

 

 

Akteure

Rebellen
Regierung

Beginn

1966

Zivile Konfliktbearbeitung

mehr internationale Hilfe, aktiverer Friedensprozess

Das von der internationalen Staatengemeinschaft entwickelte Leitbild nachhaltiger Entwicklung verbindet die Ziele soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, ökologische Verträglichkeit und demokratische Politikgestaltung. Nachhaltige Entwicklung berücksichtigt die kulturelle Vielfal. Sie hat die heute lebenden Menschen ebenso im Blick wie die kommenden Generationen.

Für eine nachhaltige, friedliche Entwicklung des Tschad ist die Verbesserung der Bildungschancen, gerade auch von Mädchen und Frauen, besonders wichtig. Bildung ist der Schlüssel zur Armutsreduzierung. Solange aber die Regierungsführung schlecht und die Elite des Landes korrupt ist, bestehen wenig Chancen auf Besserung. Dann versickern internationale Gelder und Projekte der Entwicklungszusammenarbeit können keine wirklichen Veränderungen anstoßen. Die eigenen finanziellen Ressourcen, die das Erdöl dem Land gebracht hat, kommen nicht bei der Bevölkerung an. Im Gegenteil, die Umweltverschmutzung macht sie krank und Menschen verlieren ihr Land zugunsten der Ölförderung. Die Abhängigkeit vom Öl schwächt die restliche Wirtschaft und steigert die Korruption. Militarisierung und neue Konflikte entstehen im Streit um den Zugang zu den Ressourcen. Damit wird die Demokratie geschwächt. Diese Probleme werden auch als "Ressourcenfluch" bezeichnet.

Ein wichtiges Mittel gegen schlechte Regierungsführung ist internationaler Druck auf die Regierung des Tschad und auf das ESSO-Konsortium, das für die Ölförderung verantwortlich ist. Internationale Regeln müssen zur Einhaltung von Standards bei der Erdölförderung zum Wohle der Bevölkerung verpflichten. Zivilgesellschaftliche Akteure, die Entschädigung von ESSO fordern, sollten gestärkt werden, indem Ihre Anliegen stärker öffentlich gemacht und von internationalen Wirtschaftspartnern und Politikern thematisiert werden. Die EU und andere Länder sollten den Import von "Konfliktrohstoffe" verhindern.  

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